Die Neuerfindung der Frau

Das Problem des Feminismus bleibt nach wie vor ein autobiographisches. Die Suche nach der eigenen Identität aber ist ebenso mühsam wie ungewiss. Noch während die Frau über ihr Eigentliches nachdenkt, läuft sie Gefahr, von den Kräften eingeholt zu werden, die der Mann gerufen hat. Dort wo die angelsächsische Sprache ‚gender‘ („gesellschaftliche Gewordenheit individueller Geschlechtsidentifikation“) und ’sex‘ („biologisches Geschlecht“) unterscheiden, offenbart sich das Dilemma der weiblichen ‚Rekultivierung‘. Die Frage nach den originär weiblichen Bedürfnissen erschließt sich dabei nur in ihrer möglichen Abgrenzung von den männlich vorherrschenden, insbesondere in der Überlegung, ob eine solche Differenzierung überhaupt noch möglich ist.
Hat die Bibel doch recht und bestätigt sich das, von chauvinistischer Bevormundung durchdrungende ‚Weib‘ nur als ein Abbild des Mannes, aus seiner Rippe geklont. Selbst ihre spezifische Natur scheint kulturell verseucht, die weiblichen Residualgrößen (Emotionalität, Subjektivität, Intuition) als Antipodium zum männlich besetzten Rationalismus abgewertet oder als Superstition verunglimpft. Dabei verkörpert die Frau doch nur des Mannes Idee von ihr – seine Kopie will sie erst werden. Sie kann den Handschuh aufnehmen, den man ihr hingeworfen hat, für einen Kampf, dessen Regeln nicht von ihr (mit)bestimmt werden und für einen Sieg, der ihr zwar einen Platz an der gleichen Tafel zugesteht, bei der Menü und Tischmanieren aber bereits festgelegt sind. Ihre Triumphe, verhöhnt in dem Glauben, diese selbst errungen zu haben, erweisen sich als Trojanisches Pferd, sobald sie erkennen muß, daß die sich dahinter eigentlich verbergenden Konzessionen nur dazu dienen, die männlich dominierten Vorgaben, mit denen der Absolutismus der ‚Herrenwelt‘ gesichert werden soll, nicht in Frage zu stellen.
Dadurch dass der Zusammenhang von Machen und Macht am Beispiel des Mannes ostensiv zu werden scheint, konzentrieren sich die weiblichen Bemühungen auch fast ausschließlich auf diese bis dahin bewährte, männlich geartete ‚Mache‘ und definieren damit Emanzipation lapidar als Gleichberechtigung. Emanzipation bedeutet zwar Erringung gleicher rechtlicher und gesellschaftlicher Rechte und trägt somit den Solidargedanken bereits in sich, sofern die Rechte an den mehrheitlichen Bedürfnissen und nicht an der substantiellen Überlegenheit ihrer Subjekte ausgerichtet werden. Denn sonst spiegeln sich weibliche und männliche Vorzeigesubjekte an der gleichen Symmetrieachse, nämlich der der Macht. Der Machtkampf verteilt aber nur die Rollen und unterminiert dabei die Möglichkeit sich fern von paranoiden Behauptungs- und Abgrenzungsstrategien die ‚wahren‘ Bedürfnisse zu erschließen.
Nicht nur die Biographie jener Organisation, die sich die Befreiung des Weiblichen aus männlicher Sklaverei auf die Fahnen geschrieben hat, sondern auch die entwicklungsgeschichtliche Betrachtung der Emanzipationsbestrebungen an sich, zeigt, dass die Entlassung aus einem Zustand der Abhängigkeit, daß rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung, mit der Anerkennung der gegebenen Herrschaftsform erkauft werden. Dominanz wird eingetauscht mit Toleranz, Repression mit Akzeptanz. Was sich dabei aber als evolutionsgeschichtlich kontraproduktiv erweist, ist die darin implizite Konterkarierung einer Ablösung gesellschaftlich nicht zu rechtfertigender Herrschaftsverhältnisse. Ginge es dem Feminismus um Gleichberechtigung, hätte die Frau nur die männlichen Ziele zu adaptieren und zu ihren eigenen zu machen.
Die Frage ist andererseits, ob ein idiographisches Geschlechtsbedürfnis wirklich existiert, das die menschlichen Interessen in zwei Lager teilt. Interessen werden erst mit der Idee des Möglichen geboren. Diesbezügliche Divergenzen können daher nicht als genuine, sondern situative kulturelle Erscheinungen, die sich am jeweilig gegebenen Spielraum messen, gewertet werden. Ein „gleichberechtigtes Streben nach Selbstverwirklichung setzt“ eben „Freiheit als moralische Leistung voraus“[2]. Befragt über die von maskuliner Seite betonte Nichtexistenz weiblichen Führungspotentials, hat die Moderatorin[3] eines televisionären Philosophie- und Zeitgeist-Zirkels in einer themenspezifischen Diskussionsrunde repliziert, daß diese auf männlich vorgegebenen Machtstrukturen basierenden Positionen für die Frauen im Grunde unattraktiv bleiben, da sie Leben nur unter einer Zielorientierung projizieren. Vielleicht finden wir ja gerade darin das gesuchte ‚Weibliche‘, die Bewahrung der Möglichkeiten, vielleicht aber auch gerade deswegen, weil der von feministischer Seite beklagte Ausschluß aus den als relevant nominierten gesellschaftlichen Wirtschaftsprozessen, der Frau die Möglichkeit gibt, ihre ganz spezifische Eigenständigkeit fern von systemischen Zwängen zu entfalten.
Was die evolutionären Herausforderungen angeht, so ist das Baconsche Erbe in der Idealisierung eines technisch-eindimensionalen Fortschritts heute als repressiv einzustufen, in einer Welt, „in der nicht, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, das eigentliche Thema ist, sondern mehr und mehr die Notwendigkeit, die Welt zusammenzuhalten. Die angeeignete Welt beginnt sich die Welt anzueignen.“[4] Ist der Feminismus die Antwort auf dieses Problem? Ist die Entfaltung der fraulichen Wesenheit vielleicht doch die evolutionäre Antwort auf die gesellschaftlich-ökologische Entgleisung? Das Geschlecht, dem eine Komplementarität von sich aus bereits inhärent ist, könnte der Wiederherstellung der Entität, in der wir uns vermuten müssen, dienen. Verständlich, daß sich gerade in der Frau, dem anderen Wesen, für die Befürworterinnen dieser These die Hoffnung verbindet, der entfesselten Systemdynamik, die regulierenden Energien entgegenzusetzen. Die Lehre von der Entität erfordert aber eine Sicht der Dinge, die den Anderen nicht als einen Gegensatz und damit ausgrenzend versteht, sondern als Teil eines Ganzen, das in einem zirkulären Fluss eine Spannung, als Niederschlag von Leben, nur mittels beider Pole aufrecht erhält. Dann darf sich der Feminismus aber nicht, ebenso wie der Androzentrismus, darin genügen, die Gattung selbst noch in eine Welt der Geschlechter aufzuteilen, die mit Prädikativen das Terrain absticht. Insofern wir das Gesetz der Entität mit der Geburt des Bewußtseins verloren haben, ist es womöglich auch nur über dieses zurückgewinnen.
Aporetisch ist die Frage ohnehin, auf welcher Grundlage wir uns bewegen sollten. Die letztendliche Suspendierung des Problems zeigt aber auch, daß diese Fragen unabhängig von einer letzten Instanz geführt werden müssen. Die Wahl der Gesellschaftsform sind wir uns schuldig und nicht einer übergeordneten Entscheidungsmacht. Die Herausforderung aber, die sich uns darin stellt, hat kein Geschlecht.
[1] Rabelt, V. (1993) S. 6
[2] Pieper, A. (1985) S. 15
[3] Böhler, Gertrud, Moderatorin der Badischen Gesprächeim Presseclub
[4] Mittelstraß, Jürgen, Wirtschaftsethik oder der erklärte Abschied vom Ökonomimus auf philosophischen Wegen, in: Ulrich, P. (1990) S. 21