Franzosen wie wir!

Berlin ist zum Mekka für Spekulanten und Kapitalanleger geworden, ein mehr als zweifelhafter Ruf. Im Vergleich zu anderen Metropolen und deutschen Ballungszentren verwundert Berlins neues Image dabei nicht sonderlich.
Auf fällt eher, dass diese Entwicklung, die andernorts schon längst vollzogen ist, erst jetzt, so spät, eintritt. Aber Berlin ist eben nicht Frankfurt, München oder Leipzig.
Berlins Geschichte ist die einer gewissen Unangepasstheit. Wie sonst erklären sich streitfeste Manifestationen wie die gegen den „Mietenwahnsinn“ oder die Enteignungsdebatte. Dass es in Berlin ungerechter zugeht als im Rest der Republik, dass die Mieten hier überproportional steigen, unverhältnismäßig im Vergleich zu anderen Städten, kann nicht allein der Grund sein. Auch nicht der groteske Mentalitätswechsel der Vermieter, die den Austausch der Alteingesessenen gegen zahlungspotenten Neuzugang in jeder Art und Weise vorantreiben, so unfair und dubios diese auch sein mag. Das alles steht nicht allein für Reaktionen in dieser Intensität, auch wenn es sie durchaus rechtfertigen würde.
Berlin zeigt Kante
Und das schon oft und immer wieder. Mitunter braucht es nur einen Funken, und der Missmut kynetisiert in einer unaufhaltsamen Dynamik zu jenen Ausschreitungen, wie sie sich am 1. Mai traditionell und erwartungsvoll entladen. Dass es auch konstruktiver geht, beweisen die Initiativen, die mit den Problemen rund um die Mietenmisere auferstandenen sind. Durch sie erst erfahren die Immobilien und Grundstück shoppenden Invasoren den nötigen Gegenwind.
Trotz unmittelbarer Antwort auf die oft existentielle Bedrohung werden diese Initiativen jedoch von Teilen der Politik als Herausforderung gesehen. Weil die vermeintlich Aufständischen deren Korrekturen als zu harmlos kritisieren und die, mitunter als reiner Voyerismus erscheinenden Tendenzen der Regierung als vorgeschobene Ohnmacht diskreditieren, die unter anderem nur dazu diene, den Konjunktur verheißenden Bauboom zu stabilisieren. In einer Zeit, in der die Autoindustrie als nationaler Profilierungsgarant bröckelt, geriert der Bausektor als hypender Indikator für Wirtschaftswachstum zu einer Form von Selbstbehauptungsstrategie.
Und leider auch weil, und das ist der eigentliche Skandal, es einigen Politikern gelingt, den Interventionären eine Mitschuld an der Wohnungskrise zu geben. Denn noch immer kursiert das Gerücht, dem Problem mit der Mieteneskalation könne nur mit einem ausreichenden Wohnraumangebot begegnet werden, ohne Wohnraum nachfragegerecht zu definieren. Dank dieser Beharrlichkeit bleibt dem unkontrollierten Marktgeschen und seinen Initiatoren weiterhin Tür und Tor geöffnet. Diese Unzulänglichkeit sollte das eigentliche Ausrufezeichen hinter dem mittlerweile überstrapazierten Bauen-Triple markieren, nicht der besonnene Umgang mit der Erteilung von Baugenehmigungen, wie seitens der Immobilienlobby moniert wird.
Die Journaille steht Quer bei Fuß
Dabei ist die Kritik am Eigenlauf des Wohnungsmarktes alles andere als witzig. Erst das BER-Debakel, dann die vermeintlich unsouveräne Wohnraumpolitik. All das wäre weit weniger schlimm, würde unter dieser, zum gängigen Senatswitz arrivierten, Permaeinlage gängiger Tageszeitungen, nicht die Aufklärungspflicht gegenüber dem Leser leiden.
Dass es in Berlin anders zugeht als im Rest des Landes, dafür steht eben nicht nur das wohl prominenteste Zitat der neueren Vergangenheit, dafür steht auch das öffentlichkeitswirksame Kalauern der Medien, in deren Mittelpunkt oft genug die politischen Akteure stehen und das in keiner anderen Stadt so ausgeprägt ist, wie hier. Berlin ist frech, ohne Frage, allein schon, wenn man eine gewisse Attitüde fröstelnder Schlagfertigkeit als stadtspezifischen Wesenszug beherzigt.
Der Berlin-Bonus
Dabei könnte von Berlin in seiner Doppelfunktion als Hauptstadt bei gleichzeitigem Regierungssitz auch die Entscheidungskompetenz innerhalb der föderalistischen Zwei-Ebenen-Politik profitieren. Denn, dass in Berlin ein anderer Wind weht, ist auch auf Bundesebene spürbar. Hier wo Bund und Land quasi aufeinandersitzen und dort, wo Betroffenheit offen vor den Augen der Adressaten auf die Straße getragen wird, kann Konfrontation in Echtzeit ein Garant für mehr Reagibilität und weniger Ausweichpragmatismus sein. Die Verpflichtung gegenüber den Wählern kann von den Verantwortlichen nirgends besser eingefordert werden als in Berlin.
Dieser strategische Vorteil zusammen mit der Viralität widerständiger Praxis prägt die Besonderheit einer Stadt, die zudem getragen wird von einer außergewöhnlichen Vergangenheit, die noch immer in die jetzige Zeit herüber wirkt. Gemeint ist neben dem Nebeneinander von Multikulti, mit dem Berlin sich gerne selbst identifiziert, der vertikale Niederschlag einer von starken geschichtlichen Umbrüchen geprägten Metropole, der sich in den subkulturellen Gegenentwürfen der auf die unterschiedlichsten Entwicklungen reagierenden Bevölkerungsschichten in den einzelnen Stadtvierteln wiederspiegelt und der in keiner anderen deutschen Stadt besser konserviert ist als in Berlin, das aufgrund seiner Sonderstellung lange Zeit geschützt war vor zweckökonomischer Instrumentalisierung und Verwertungsideologie. Früher, vor der Wende, war der Berlin-Bonus dem vergönnt, der bereit war hierher zu ziehen, auf die Insel, das wirtschaftlich unterentwickelte Berlin.
Unter diesem Gesichtspunkt beinhaltet das einsetzende Kiezsterben einen Angriff auf die Einzigartigkeit der Stadt. Der Austausch der Bürger, ebenso wie die gewaltsame Einebnung der gewachsenen Struktur kulturellen Lebens. Durch diesen unrevidierbaren Prozess, der mit dem Ausverkauf der Stadt in Gang gesetzt wurde, ist Berlin in seiner Art gefährdert, und bedarf einer Unterschutzstellung.
Fraternitée !
Eine Kritik- und Reaktionskultur wie diese findet sich so wohl nur noch im Ursprungsland der europäischen Revolution. Während hierzulande politische Entscheidungen oftmals einwandslos abgesegnet werden, wo sich reaktionärer Widerstand im populistischen Freakout der Sich-Vergessen-Wähnenden Bahn bricht, wird in den französischen Städten demonstriert und gestritten. Die Berliner sind die Gelbwesten der Republik.
Dieser Protest ist gelebte Demokratie und ein Parameter für die diskursive Sensibilität einer heterogenen Gesellschaft, die sich trotz aller Unterschiede zur Verteidigung einer lohnenswerten Idee zusammenraufen kann. In Berlin formiert sich, wenn man so will, die reflexive Seele des ganzen Landes. Was in Berlin geschieht, mobilisiert auch andere Städte. Sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden, c’est le message, die sich weit über die innerstädtischen Grenzen absetzen lässt.
Berlin ist anders, und das ist auch gut so!