Berliner Kiezgeschichten

Fast Tiergarten Süd. Wissen Sie, welches Gebäude sich hier befand?

Was sich im Berliner Bezirk Tiergarten Süd gerade abspielt, ist bezeichnend für eine desolate Stadtentwicklungspolitik, die es nicht zu verhindern weiß, dass durch den eklatanten Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ein Bauboom der Superlative gerechtfertigt wird? Und nicht nur hier.

Befeuert durch Niedrigzinspolitik und spekulationsaffine Steuermodelle konnte sich eine Welle hochpreisiger Bauinvestitionen ungehindert über die ganze Stadt ausgebreiten, ohne dass mit entsprechenden Instrumenten gegenzusteuern versucht wurde. Im Gegenteil. Verfolgt man die kommunalpolitischen Akteure gewinnt man leicht den Eindruck, die einzelnen Bezirke stünden im Wettbewerb um die höchste Baugenehmigungsquote. Was gebaut werden kann, wird auch gebaut, Hauptsache die Bilanz der realisierbaren Vorhaben stimmt. Sofern es Tiergarten Süd betrifft, sollte die Rechnung aufgehen. In kaum einem anderen Viertel wurden in kürzester Zeit so viele Baugenehmigungen erteilt, dass von einer Neuerfindung des Kiezes zu reden, nicht mehr abwegig erscheint. Umso drastischer, als dieser Ausdruck nach der Übernahme durch die Investoren wohl kaum seine Berechtigung verteidigen kann, handelt es sich bei diesen aktuellen Bauvorhaben doch vornehmlich um hochpreisige Eigentumswohnungen, die sich die angestammten Bewohner nicht mehr leisten können.

Allerdings, ein Armageddon wie es Paris und London schon hinter sich haben, steht der deutschen Hauptstadt noch bevor. Schnelles Handeln wäre da angesagt. Aber das zeichnet sich angesichts der zwischenparteilichen Querelen, in denen die ausgemachten Bremser für einen Stillstand verantwortlich gemacht werden, der eigentlich Schlimmeres verhindern soll, nicht ab. Im Gegenteil, den Mitregierenden ein Image als bad guys zu verpassen, lenkt vom eigentlichen Problem ab und verstört die Bürger, denen wichtige Informationen vorenthalten bleiben. Statt die Dinge richtig in die Hand zu nehmen, der Spekulation mit Wohnraum, Luxussanierungen und Leerstand Paroli zu bieten, ist es dieses wahllose Bauen, das den eigentlichen Druck erzeugt, nicht der geringe Baugenehmigungsstand. Denn wo teure Eigentumslofts und Luxusapartments entstehen, fehlt der Platz für die Errichtung erschwinglicher Wohnungen im sozialen Segment, der den tatsächlichen Mangel ausgleichen könnte. Das versteht doch jeder.

Trotzdem weiß man der grassierenden Not nicht anders zu begegnen als dem Credo „Bauen, Bauen, Bauen“ wie es gerade gebetsmühlenartig von einer Partei repetiert wird. Nicht zuletzt, um auf die ständigen Vorwürfe einer verschleppenden Planumsetzung zu reagieren, angefangen vom BER, der derzeit prominentesten Steilvorlage für die Dysfunktionalität der senatseigenen Bauabwicklungen, bis hin zur Instrumentalisierung durch die Opposition und deren Klientel aus der Immobilienwirtschaft.

Populistisch weniger schlagkräftig, dafür angemessener wäre ein anderes Alliterativ: „Wie, Wer, Wo“.

Dass in Zeiten dringlicher Erfordernisse auch Opfer gebracht werden müssen, ist in einer sich auf sozialstaatliche Werte berufenden Gemeinschaft kein Thema. Aber warum dort, wo es keinen Nutzen bringt. Nachverdichtungen, Grünflächenbebauung, der Kreis der Möglichkeiten wird mehr und mehr erweitert, um der Angst der Wohnungssuchenden und dem Druck des Lieferns zu begegnen. Eine gewisse Schuld trägt daran auch die mediale Aufbereitung des Themas. Betrachtet man die aktuellen Veröffentlichungen dazu, scheint die Verzerrung des Tatbestandes geradewegs methodisch und lässt sich nahezu auf die ganze Presselandschaft herunterbrechen.

Das unbediente Bauversprechen, als wirkungseffizienter Aufmacher, wonach alles das, was die magischen fünfzehn Zeilen überschreitet, nur noch wie das Kleingedruckte eines Beipackzettels wahrgenommen wird, mag Ausdruck eines Überlebenswillens in Zeiten journalistischer Marktsättigung sein. Manipuliert aber nicht weniger als eine konkrete Parteinahme, indem wichtige Argumente unterschlagen bleiben und lobbyistischen Statements durch unkommentiertes Publizieren den Anstrich von Seriosität vermittelt wird. Umso wichtiger sind gut platzierte Aufhänger, die fokussiert und komprimiert den eigentlichen Inhalt schon vorwegnehmen, um so zu verhindern, dass der Leser mit einer eingehenden Behauptung zurückgelassen wird, die es womöglich zu widerlegen galt.

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