Eine Ode an die Verständigung

Dem Mietenwahnsinn in der City folgte eine Welle der Stadtflucht. Geändert hat sich dadurch nichts. Zumindest nicht für die Bewohner jenseits des Stadtrings. Noch immer prallen hier zwei Welten aufeinander.
Die Wohnraumknappheit treibt viele Berliner ins Umland. Wenn auch keiner der Großstadtflüchtlinge, die vor Ort das Kollektiv oft nur unter ihresgleichen suchen, sich ein Leben im Dorf in Gänze vorstellen kann. Der optionale Rückzug bietet beides, die Vorzüge des Stadtlebens und am Wochenende Ruhe und Unbeschwertheit im Grünen. Nicht zu unterschätzen auch das gegenwärtig unschwer nachvollziehbare Gefühl, etwas sein Eigen nennen zu können. In der Hauptstadt, dort wo die Menschen meist in Mietverhältnissen hausen, können sich nur die wenigsten den Erwerb einer Wohnung leisten, schon gar nicht zu den Konditionen, die dort aufgerufen werden. Eine bestehende Nachfrage, die den überproportionalen Zuwachs an Eigentumswohnungen in höheren Preislagen rechtfertigen würde, existiert pro forma nur in den Behauptungen der Immobilienbranche. Die Wohnraumfrage geriert somit zur sozialen Herausforderung.
Hinzu kommt der Sittenverfall auf dem Vermietungsmarkt, der immer krudere Züge annimmt. Was machbar ist, wird auch gemacht. Angesichts einer Eigentümermentalität, die jede Möglichkeit nutzt, sich der alten Mieterschaft zu entledigen, um durch Neuvermietung mehr Rendite zu erzielen, kann jeder der nächste sein. Das beflügelt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und der Gewissheit, den möglichen Verlust im Ernstfall auffangen zu können. Während noch kurz nach der Wende die Jagd nach dem schnellen Schnäppchen den Run auf halbverfallene Gutshöfe, Scheunen und Backstein gemauerte Ruinen auslöste, kommen jetzt ganz existentielle Sicherheitsbedürfnisse hinzu.
Die Häuschen auf dem Land sind zwar immer noch günstig zu haben. Für die Aufkäufer drückt sich der hohe Preis, allerdings in einem anderen Kompromiss aus. Der Außenwelt. Das Leben auf dem Dorf kann einsam sein, Familien mit Kindern bekommen das besonders zu spüren. Schließlich kann man sich das Nebenan nicht immer aussuchen. Subtil vorherrschende Vorstellungen vom rechtsradikalen bis rückwärtsgewandten Ossi laden da gar nicht erst zum Selbstversuch ein. Damals wie heute gilt es für die Stadtflüchtigen zwischen dem Zweitdomizil in noch unverfälschter Natur und der unliebsamen Nachbarschaftspflege im infrastrukturellen Nichts abzuwägen.
Begierig sind die Neuankömmlinge darum bemüht, Gleichgesinnte in der nahen Umgebung anzusiedeln. Oder den Freundeskreis, mit dem sich das Idyll teilen lässt. So kommt es nicht selten vor, dass sich in Stoßzeiten die Einwohnerzahl durch die Zuzöglinge nebst Entourage glatt mal verdoppelt. Das Spießertum, von dem sich einige der nach autarkieaffinen Lebensmuster lechzenden Städter bewusst abzugrenzen versuchen, hier praktizieren sie es selbst. Kontakt mit den Einheimischen findet außer dem obligatorischen Gang auf die Ämter, höchstens noch im ortseigenen ‚Konsum‘ statt, wo alles so schön ‚billig‘ ist, und ostnostalgisch, wie einst der legendäre Broiler im Interschop an der Grenze. Dabei ist es die Konservierung des Alten, die Abgrenzung vom Gewohnten, die andererseits das Besondere dieser Wohnsituation ausmacht. Die ehemaligen Insulaner können ein Lied davon singen. Als stünde mit der Auflösung der ehemaligen Strukturen die Entzauberung der Welt, in die man sich deshalb so gerne zurückzieht, weil Unberührtheit und Arglosigkeit einen Teil ihres Reizes ausmachen, auf dem Spiel. So wirklich was ändern, will man da gar nicht erst.
Integration gewendet
Skurrilität und Andersheit der Einwohner prägen dann auch oft als gern belächeltes Sujet die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Osten. Den Altansässigen müssen die Berliner, die das Umland in Besitz nehmen, wie Invasoren vorkommen. Wäre da nicht die Hoffnung, mit den Neuankömmlingen könnten sich auch die gesellschaftlichen Deformationen umkehren. Der Wegzug der Kinder, die in der Ferne ihr Glück suchen, die Auflösung der Dorfgemeinschaft und der Zerfall der Häuser, der den Zuzog der Fremden erst ermöglicht. Wenn vor Ort das gleiche Angebot herrschte wie in der Stadt, müsste niemand die Heimat verlassen. Auch die Berliner wissen um die Notwendigkeit einer intakten Infrastruktur, um den Anschluss an das Leben in der Stadt zu garantieren. Das Arbeiten in der kapazitätsfernen Ödnis muss mit den bisherigen Arbeitsbedingungen irgendwie korrespondieren, die alte Existenz muss sich in das neue Refugium integrieren lassen. Aber ganz gleich, wieviel Netzausbau und wieviel Leben die Neuen mitbringen, solange die Isolation nicht aufgehoben ist, können weder Alt noch Neu davon profitieren.
Das Umdenken einiger Initiatoren bei ihren wohn- und arbeitsübergreifenden Projekten, die Bürgerschaft miteinzubeziehen, sei es durch Berührungsstätten wie Cafés oder ‚gemeinsame‘ Kunstprojekte, erheben neuerdings den Anspruch auf die beiderseitigen Bedürfnisse einzugehen. Es mag ein besserer Ansatz sein. Aber selbst diese Offerte kann das Gefühl der Übervorteilung nicht ganz vertreiben. Dass das Interesse aus einer Notwendigkeit entstanden ist, spüren die Menschen vor Ort. Viele, die sowieso schon misstrauisch sind, bestätigt die subtile Art der Aneignung, die den Geruch der Kolonialisierung in sich trägt, nur in ihrem Zweifel. Ob es die Städter wirklich ehrlich mit ihnen meinen? Diese Frage steht dabei immer im Raum. Und das, zu Recht.
Was nach Engagement und Investition in die gemeinsame Zukunft klingt, entpuppt sich allzu oft als oppurtunistisches Zugeständnis. Die Teilhabe beschränkt sich auf Ausschnitte aus dem Leben der Anderen, die soapmäßig inszeniert werden. Ein wirkliches Sich Einlassen begreifen die vermeintlichen Reformer noch immer als Abenteuer. Von dem richtigen Interagieren aber hängt das Gelingen des Ost-West-Dialogs ab. Gerade jetzt, angesichts der aktuellen Sensibilisierung durch das 30jährige Jubiläum erwächst im Hier und Jetzt die Chance, ein anderes Ost-West-Verständnis zu entwickeln als das bisherige.
Könnte der Plan der wohnraumoffensiven Osterweiterung das ehemalige Wendeversprechen doch noch einlösen?
Wirtschaftlich profitieren könnten die Menschen vor Ort schon jetzt. Von den Ausflüglern etwa, die die blühenden Landschaften goutieren. Die einstige Metapher für den ökonomischen Aufschwung, der den Menschen in den Neuen Bundesländern Wohlstand und Freiheit bescheren sollte, bewahrheitet sich paradoxerweise in dem touristischen Erstarken der vom Aufbau Ost verschonten Gebiete.
Der Abbau der Industrieanlagen und die ausgebliebene Reindustrialisierung sind für den landentwöhnten Urlauber aus dem Westen ein riesiges Geschenk. Wer mit dem Fahrrad die wunderschönen Seenlandschaften erkundet, weiß das zu schätzen. Allein der Erhalt dieses Genusses würde einen ökologischen Solidaritätsausgleich rechtfertigen. Einen Schutz brauchen diese Gebiete allemal. Aber wie vorgehen, ohne anmaßend zu erscheinen. Kann sich der Westen beherrschen und kann man dem Osten nahelegen, nicht die gleichen ökologischen Fehler zu begehen und auf die ökonomische Ausbeutung zu verzichten. Wie kann man die Arbeitslage verbessern, ohne dass diese Isotope Schaden davon tragen. Soweit es den Tourismus angeht sind es oft Westler, die die kleinen Hotels und Landgasthöfe bewirtschaften. Waren die westlichen Unternehmen schon vorher die eigentlichen Nutznießer der staatlichen Wiederaufbausubventionen, haben sie sich damit auch noch die letztlich wirklich lukrativen Verdienstmöglichkeiten gesichert.
Allgemeinwohl statt wohl gemeint
Durch das Vakuum, das in den ländlichen Gegenden der Ostrepublik in Bezug auf Bebauung und Renovierung noch immer herrscht und der zunehmenden Nachfrage nach Wohnressourcen, drohen die spekulativen Auswüchse auch in die Gebiete hinter dem Speckgürtel zu schwappen. Eine Gentrifizierung soll es hier wie dort nicht geben. Und wer sich die exorbitante Wertschöpfungskette Berliner Immobilien ansieht, weiß, dass schnelles Handeln angesagt ist.
Doch manche Bebauungsanfragen situieren sich von ihrem Vorhaben noch immer wie Enklaven in der vermeintlich fremdenfeindlichen Atmosphäre des sogenannten Wolfserwartungslands. Ganze Gebietsstriche werden aufgekauft, in der Absicht, dort eine geschlossene Interessen-Gemeinschaft zu errichten. Die Ausstattung dieser Dorf-in-Dorf-Projekte ist den eigenen Bedürfnissen entsprechend konzipiert. Umgang mit der einheimischen Bevölkerung dabei gleich Null.
Aufgrund dieser Erfahrung versuchen die Kommunen gegenzusteuern, indem sie künftige Baugenehmigungen an bestimmte Bedingungen knüpfen. Die Allgemeinwohlorientierung soll zunehmend Gegenstand baulicher Vergabeverhandlungen werden. Eine Forderung, die in der nahen Kapitale bereits seit längerem an Evidenz gewinnt, um Bauland und Immobilien einem allein an Gewinnmaximierung orientierten Ausverkauf zu entziehen. Dieser gezielten Ausrichtung versuchen die Gemeindevorsteher gerecht zu werden, indem sie bei den Projekten prüfen, wie sie sich in die örtlichen Gegebenheiten einfügen lassen. Nicht umgekehrt.
Für die Kommunen könnte sich daraus eine Win Win Situation ergeben, für die Zuzöglinge auch, wenn man es richtig macht.
Diskurspraxis statt Plattitüden
Bietet das Ausweichen der Bau- und Wohn-Nachfrage auf das noch ungesättigte Hinterland im Ostteil der Republik eine Herausforderung, die nicht nur auf die ersehnte Infrastruktur, die Niveauangleichung, die bessere Stadtanbindung abzielt, sondern womöglich die Gelegenheit, sich an den gescheiterten Integrationsbemühungen erneut abzuarbeiten.
Allein die Frage zeigt in dem elementaren Missverständnis, Integration nur in eine Richtung zu denken, ein Verständnis, welches es längst zu überwinden gilt? Die Marginalisierung der Ostdeutschen als unselbständige, hilfsbedürftige Integrationsmasse, deren vornehmliche Herausforderung die Adaption an den Westen bezeichnet, spiegelt sich in dieser Kontroverse wider.
Noch immer zeugt die Auseinandersetzung zwischen neuen und alten Bundesländern, wenn man das bisherige Beziehungs-Lavieren als solches überhaupt bezeichnen will, von einem tiefgründigen Abhängigkeitsverhältnis, das sich in einem vogelperspektivischen Verorten der anders sozialisierten Nachbarn niederschlägt.
Allein die Akzentuierung monetärer Transferleistungen in der aktuellen Diskussion um den Soli verweist auf eine wesentliche Ökonomisierung des Austauschs, die die Widersprüchlichkeit zwischen Anspruch und Realität wohl am besten beschreibt. Die Vernachlässigung der psychisch-sozialen Befindlichkeiten der Bevölkerung, die ihren emotionalisierten Ausdruck zum Teil in Form jener Animositäten findet, wie sie derzeit als Protest getarntes, Ressentiment geladenes Trotzverhalten interpretiert werden, legt diese Folgerung nahe.
Das Ausmaß der Kurzsichtigkeit, mit der die Abschottung weiter vorangetrieben wird, zeigt sich auch in der momentan aufflackernden Analysehysterie angesichts des desaströsen Wahlverhaltens. In deren Aufarbeitung steht mehr die Sezierung des Ostcharakters im Vordergrund, nicht die Hinterfragung eines Zustandes, der noch immer mehr Verhältnis ist, als Beziehung. Dabei ist das Aufpuzzeln nach spezifischen Eigenheiten, aus denen sich der Ossi zusammensetzt, und der Frage, wie diesem vermeintlichen Mysterium zu begegnen ist, kaum zu unterscheiden von jenen Abgrenzungsstrategien, die man diesen Menschen vorwirft. Und das nach 30 Jahren Wende. Haben sich solche Vorstellungen und Bilder erstmal verfestigt, ist ihnen kaum noch beizukommen. Als Vorurteil manipulieren sie unsere Wahrnehmung und sind schwer wieder aufzulösen, vor allem wenn es keine wirklichen Berührungspunkte gibt. Statt in der kanalisierenden Wirkung des diskursiven Miteinanders, die Oberflächlichkeit reiner Zuweisungsideologie zu überwinden, werden durch vorschnelle Verurteilungen Positionen geschaffen, die eine weitere Annäherung fast unmöglich machen.
Der Verzicht auf diesen Diskurs ist ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenwürde. Er übersieht das Bedürfnis, sich und anderen Rechenschaft abzulegen. Er untergräbt das Recht auf Verantwortung und birgt entmündigende Tendenzen. Der Umgang mit Freiheit erfordert eben auch Erfahrungen, weil sonst das Schielen auf die westliche Souveränität am eigenen Selbstwergefühl nagt. Diese Erfahrung zu verinnerlichen muss man erstmal zugestehen, bevor man in die Pflicht nimmt. Aber in die Pflicht nehmen muss man dann auch, wenn man sich als eine Einheit versteht, hüben wie drüben.
Die Wiedervereinigung war eine Inszenierung des guten Willens. Jetzt besteht die Möglichkeit ein Zusammenleben gemeinsam neu zu denken und zu kommunizieren.